Der Tourismus kennt viele Formen

Veröffentlicht am 09.10.2015, 13:25

Der Tourismus kennt viele Formen

Die letzte Zukunftswerkstatt zur Erarbeitung eines Leitbildes für die Gemeinde Möser hatte viele Ansätze kam aber über allgemeine Aussagen nicht hinaus.
Architektin Marlies Brinkhoff hatte sich von diesem Abend sicher mehr erwartet, dass formulierte sie auch zu Beginn der Zukunftswerkstatt „Tourismus und touristische Entwicklung“. Einmal den Sprung wagen hin zu einer wirklichen Erarbeitung mit Papier und Stift, das war ihr Ziel, doch die Zeit reichte nach zwei Präsentationen und einigen Wortbeiträgen für diese Vorhaben nicht mehr aus. So bleibt die letzte Zukunftswerkstatt hinter den Erwartungen zurück und schließt sich damit in die Reihe der bisherigen Zukunftswerkstätten an.

Nach der Begrüßung durch den Gemeindebürgermeister Bernd Köppen, der die Gemeinde Möser nicht als typischen Touristengebiet sieht, dem aber dennoch die touristischen Anziehungspunkte in der Gemeinde bewusst sind übernahm Marlies Brinkhoff das Wort. Sie stellte noch einmal klar, dass am Ende des Jahres durch ihr Büro ein klares Konzept, ein Leitbild für die Gemeinde Möser bis zum Jahr 2015 vorstellen werde. Wie dieses am Ende aussehe und mit welche Themeninhalte wie gefüllt seinen werden, dass ließ sie allerdings offen. Und so begann die letzte Zukunftswerkstatt wie die vorherigen auch mit einer Präsentation von David Brinkhoff

Wohin soll der Tourismus sich entwickeln
Das Ergebnis der durchgeführten Bürgerbefragung war eindeutig, die häufig genannten Orte und Merkmale in der Gemeinde sollten auch die Aushängeschilder in einer touristischen Vermarktung der Gemeinde sein, dass zumindest sah David Brinkhoff so. Deshalb zeigte er noch einmal Zahlen, die zwar ihre Aktualität vermissen ließen aber dennoch eine Richtungsweisung gaben. So waren laut Allgemeinen Deutschen Radfahrerclub (ADFC) im Jahr 2012 150.000 Personen auf dem Elberadweg unterwegs. 200.000 Besucher pro Jahr, oder 548 pro Tag sollen die Trogbrücke besuchen. Diese Besucherströme müssen laut Brinkhoff umgeleitet werden, um die tiefer in der Gemeinde liegenden Potentiale in Natur und Historie zu erschließen. Wie dies allerdings geschehen soll wurde nicht erörtert. Stattdessen wurde von einem Fokus auf den Schwerpunkt Naherholungsgebiet, auf Tages- und Wochenendausflügler, sowie auf Camping und Wassertourismus gelegt. Abschweifungen, die der Substanz eines klaren Planes wiedersprachen. So konnte David Brinkhoff nur allgemein die Fragen stellen:
- Wie ist der Zustand der touristischen Infrastruktur?
- Wie kann der Ausbau der Besuchermagnete erfolgen?
- Welche Form des Tourismus ist erwünscht?
- Welche Schritte sind zu einem noch zu definierenden Ziel notwendig?
- Welche Angebote müssen für Besucher bereitgehalten werden?

Allein diese Fragen zu beantworten macht eine Arbeitsgruppe notwendig, der von Amtswegen ein Zuständiger Mitarbeiter beisitzt. Das aber war nicht durch Brinkhoff angedacht.

Er schlug stattdessen die Vereinheitlichung des Marketings vor, was an sich richtig ist, aber als zweiter Schritt vor dem Ersten gesehen werden kann. Denn ohne einheitliches Konzept, welche Form des Tourismus es in der Gemeinde geben soll, kann kein Marketing entwickelt werden. Schließlich benötigt jede Tourismusform spezifische Erfordernisse. Vorschläge Toiletten, Souvenirläden, Caravan- und Campingplätze einzurichten, wirken da ehr wie der Versuch ein Thema mit Inhalt zu füllen, ohne jedoch ernsthaft die Materie zu kennen.

Das Rad führt zu Bewegung in Sachen Tourismus
Ein anderes Konzept verfolgte da Dr. Reinhardt Ritter, der ganz klar den Radtourismus als Leittourismus für die Gemeinde ansieht. Ritter betrachtete in einer Präsentation die Gemeinde aus der Perspektive eines Radfahrers. Dies, weil schon bereits vor 100 Jahren die Gebiete in der Gemeinde als ein Mekka der Magdeburger Radler waren. Viele alte Feldwege seien laut Ritter in den Flurkarten enthalten, die heute von Bauern bereits weggepflügt seien. Ein Umstand der der Gemeinde viel an Möglichkeiten nehme. Allein die 15 Kilometer, die der Elberadweg durch die Gemeinde führe, reichen laut Dr. Ritter nicht aus. Deshalb sollte eine Anbindung des entstehenden Telegrafenradweges an den Elberadweg verfolgt werden. Seine virtuelle Fahrradtour startete der Schermener dann an der Grundbrücke bei Lostau. Schon hier sei das erste Manko erkennbar. Eine Ausschilderung zum Telegrafenradweg existiere nicht. Ebenso wenig wie eine Informationstafel, die Radwanderer auf die Sehenswürdigkeiten in der tiefe der Gemeinde aufmerksam macht. Das Thema Infotafeln zog sich dann auch komplett durch Dr. Ritters Präsentation. Ob das Fehlen von Informationen auf dem Weinberg, zum Kastell Otto des Großen, oder fehlende Wegeleitsysteme zum Informationspunkt der Gemeinde Möser in der Ortschaft Hohenwarthe.

Hinweise und Anregungen durch Referenten
Neben vielen Aufgeworfenen Fragen, wie die nach der Pflege des Radwegenetzes, hatte Dr. Reinhardt Ritter aber auch Ideen und praktische Lösungen mit in seine Präsentation eingearbeitet. Den Ausbau der Hinweistafeln sah er dabei als wichtigsten Schwerpunkt. Darüber hinaus regte er eine Verbesserung des Internetauftritts der Gemeinde Möser an. Auch die Teilnahme am Sachsen-Anhalt-Tag oder die Auslobung eines Tourismuspreises durch die Gemeinde, befanden sich im Ideenpool. Doch auch diese Ausführungen schafften es nicht die Bildung eines stabilen Leitbildes Tourismus für die Gemeinde Möser, auch konzeptionell auf ein festes Fundament zu setzen. Es fehle das vernetzte Fachwissen jener in der Gemeinde, die sich mit der Thematik Tourismus auskennen. Nur eine Arbeitsgruppe, da war auch Dr. Ritter sich sicher, kann die Entwicklung vorantreiben.

Pietzpuhler zeigen Eigeninitiative
Dass Eigeninitiative und Kreativität auch etwas bewirken können zeigten die Ideen zweier Pietzpuhler, die ihren Ort mit internen Themenstrecken versehen möchten. Neben einer Kurzstrecke für ältere Menschen, die unter dem Motto „Bilderdorf“ durch die Ortschaft führen soll, sind weitere Strecken mit den Themen Familie, Romantik und Preußen angedacht. So könnten Familien direkt zum Spielplatz geleitet werden, andere in den Schlosspark und Geschichtsinteressierte über die Alte Heerstraße bis hin zur Luisenhöhe. Auf letzterer soll, nachdem der Weg in Privatinitiative neu angelegt wurde auch ein Gedenkstein für Königin Luise errichtet werden. Ebenfalls Privatfinanziert. Informationen sind das wichtigste Mittel zur Gewinnung von Touristen, dass sehen auch die Pietzpuhler so, die eine Informationstafel zum, und am Kavaliershaus wünschen. Zum Thema Wegeinfrastruktur gaben die Pietzpuhler ihren Vorredner Dr. Ritter Recht. Viele Feldwege seien durch Reiter so stark beschädigt, das die Nutzung dieser mit dem Rad unmöglich sei. Hier forderten die beiden Pietzpuhler ein Handeln durch die Gemeinde, da auch sämtliche Beschilderungen zu Reitwegen entfernt worden seien. Ein Gespräch mit dem ortansässigen Reiterhof hielten sie für unumgänglich.

Ansprechpartner in der Verwaltung gefordert
Nicht nur einmal forderten die Anwesenden einen festen Ansprechpartner in der Verwaltung, wenn es um den Tourismus geht. Nur dieser könne wichtige Verbindungen zu Tourismusverbänden, dem Gaststättenverband, der Industrie und Handelskammer und andere aufbauen und so ein günstiges Netzwerk für den Tourismus in der Gemeinde schaffen. Die ganzheitliche Betrachtung des Tourismus über die Grenzen der Gemeinde hinaus, durch eine Verbindung mit Nachbargemeinden schaffe Synergien von denen alle Beteiligten profierten. Brücken bauen und verzahnen hieß das Motto. Der kontinuierliche Prozess dem der Tourismus als wandelbare Form unterliegt muss, so die Meinung der Mehrheit, von Amtswegen begleitet werden, sonst verschließen sich Möglichkeiten.

Warum in die Ferne schweifen
In dieselbe Kerbe schlug auch Eckhardt Brandt, der darauf aufmerksam mache, dass selbst viele Bürgerinnen und Bürger in der Gemeinde nicht einmal wüssten was hier in der Umgebung los ist. Nur durch das Aufleben alter Verbindungswege zwischen den Ortschaften könne das vorhandene Potential auch innerhalb der Gemeinde zugänglich gemacht werden. Als Beispiel nannte er die Alte Heerstraße zwischen Körbelitz und Pietzpuhl die über den ehemaligen Truppenübungsplatz, vorbei am Aussichtspunkt des Alten Fritz führe. Durch Seitenbepflanzungen könne die historisch verbriefte Allee wieder hergestellt und so eine Erlebniswelt geschaffen werden. Gemeindebürgermeister Bernd Köppen unterstützte dies ausdrücklich. Verwies darauf, dass die Verbindung zwischen Pietzpuhl und Körbelitz bereits im Wegekonzept der Gemeinde beinhaltet wäre. Allein das Bundesforstamt hätte hier das letzte Wort.

Öffentlichkeitsarbeit ausbauen
Die Öffentlichkeitsarbeit auszubauen war bereits einige Male vorgeschlagen worden. Auch in den vergangenen Zukunftswerkstätten. Das Drucken von Flyern beispielsweise hat die Gemeinde bereits umgesetzt und dennoch waren die Anwesenden mit der Gesamtheit der verfügbaren Materialien nicht zufrieden. Dr. Thomas Trantzschel stellte beispielsweise Radfahrkarten aus Österreich vor, in denen Sehenswürdigkeiten genannt und kurz beschrieben werden. Dazu eine Karte mit der Wegestrecke dorthin. So etwas, so Trantzschel bräuchte auch die Gemeinde um Radfahrer in die anderen Ortschaften, abseits des Elberadweges zu ziehen. Für Frank Rust fehlte es für die Umsetzung solcher Dinge aber an gemeindlichem Rückhalt. Er stellt einen eigenen Flyer vor und monierte, dass dieser wegen einiger weniger Euro nicht gedruckt werden könne. Frank Winter wiederrum sah hier die auf dem Flyer abgedruckten Gastronomiebetriebe in der Pflicht. „Wir können nur Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Die Finanzierung eines solchen Flyers müsse durch die werbenden selbst erfolgen“, meinte er. Die aufzustellenden, weil fehlenden, Informationstafeln mit modernen Informationstechnologien wie QR-Codes und GPS-Points zu versehen hielten aber alle für wichtig.

Themen am Rande
Weiterhin kurz angerissen wurde die Dampferanlegestelle am Kanal, an der Trogbrücke. Hier fehlt ein Hinweisschild auf dem Radwanderer erkennen, dass die Weiße Flotte nach telefonischer Reservierung auch dort hält und Zusteigen lässt. Gefordert wurde auch die Schaffung eines Alleinstellungsmerkmales im Hinblick auf die touristische Attraktivität. „Viele gibt es überall in ähnlicher Weise“, meinte beispielsweise Dr. Thomas Trantzschel. Bernd Köppen sah in einem regionalen, kulinarischen Angebot eine Möglichkeit für die Gemeinde zu werben.

Welche Ideen aber Eingang in das Leitbild finden werden, welche Form des Tourismus die richtige für die Gemeinde Möser ist, all dies blieb bis zum Ende ungeklärt und damit offen. Allein schon aus dem Grunde, weil die Zeit für mehr fehlte.

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