Gedanken zum Totensonntag

Veröffentlicht am 22.10.2021, 08:31

Erinnerung ist ewige Gegenwart – Gedanken zum Totensonntag

Das wusste schon der mit 28 Jahren verstorbene Novalis (* 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt; † 25. März 1801 in Weißenfels) zu berichten …

Die letzten Blätter sind am Fallen, die Natur hat ihr Wachstum eingestellt, die Zugvögel sind von dannen gezogen und krächzend schreiten Raben über abgeerntete Felder und mager gewordene Wiesen. Winter liegt nasskalt in der dunstigen Luft, die in sich den Odem des ersten Schnees bewahrt. Raureif bedeckt morgens hauchzart, fast seidenen Schleiern gleich die Zweige der mittlerweile in sich ruhenden Bäume und Sträucher. Nebel legt über die Welt. Der Himmel ist von grauen Wolken verhangen. Leben stirbt geruhsam.

 

Ein anderer Ort

Man betritt den Friedhof, indem man durch ein Tor schreitet und so zu einem anderen Ort gelangt, der mit einem Zaun oder einer Mauer umfriedet ist.

Der Friedhof als abgeschlossener Raum lässt den Besucher in eine Atmosphäre der Stille eintreten. Obwohl ein Ort der Toten und damit eine Erinnerung an das eigene Nicht-Sein besänftigt der umfriedete Raum des Friedhofs die Unruhe des Menschen in seinem Fragen um die eigene Endlichkeit.

In einer Studie fand der Forscher Roger Ulrich heraus, „dass Krankenhauspatienten, die von ihrem Bett aus ein bisschen Gras und ein paar Bäume sehen konnten, schneller gesund wurden und weniger Schmerzmedikamente brauchten, als die, die nur Betonwände sahen…“ (Ellard, S. 37)

Ein Friedhof mit vielen Bäumen dürfte ebenso heilsam sein und den Menschen in seiner Trauer trösten sowie in seiner Unruhe im Fragen nach der eigenen Endlichkeit in eine entspannte Atmosphäre versetzen.

Auf manchen Friedhöfen wird gar zur Buchlektüre eingeladen. Auf dem Friedhof II der Französischen Gemeinde an der Liesenstraße in Berlin, wo die Gebeine von Theodor Fontane in die Erde gebettet wurden, steht neben seinem Grab eine Bank und eines seiner Bücher liegt aus. So lässt sich die Welt des Todes vergessen und in eine andere eintauchen, gleichwohl sitzt man auf einem Friedhof.

Ein anderer Erinnerungsort

Die Atmosphäre im neueren Teil eines Friedhofs erinnert dagegen eher an Erinnerungsfelder für gefallene Soldaten oder Kriegsopfer, wo zwar ein Kreuz mit Namen steht, jedoch niemand begraben ist. Ein solcher Ort ist offen, um den Blick auf die große Anzahl freizugeben. Die Sorge obliegt hier nicht den Hinterbliebenen, sondern der Gemeinde.

Ähnlich scheint die Sorge um die Erinnerung an den Verstorbenen delegiert an die Gemeinschaft zu sein. Die Verbindung von Erinnerung an den Verstorbenen und Grabstätte des Verstorbenen scheint zwar faktisch nicht aufgehoben zu sein, wird jedoch atmosphärisch immer weniger erfahrbar.

Die Erinnerung ist kaum noch an den Ort gebunden, die Pflege des Grabes wird daher oft an eine Friedhofsgärtnerei übertragen oder ist wie bei einem Wiesengrab gar nicht notwendig.

Die Hinterbliebenen verarbeiten ihre Trauer individuell und binden sie nicht an das „gesellschaftliche Ereignis“ Friedhof.

Der Friedhof als ein Ort des Zusammentreffens von Menschen, die durch ein gleiches Schicksal verbunden sind, fällt damit fast vollständig weg.

Allgemein dürfte dies kennzeichnend für eine digitale Gesellschaft sein, in der es für ein Problem das Internet als erste Anlaufstelle gibt. Statt einen Menschen nach dem Weg zu fragen, wird das Navi des Smartphones benutzt. Orte oder Menschen, an die eine bestimmte Atmosphäre gebunden ist, bilden nicht mehr den Bezugspunkt oder werden nicht mehr als Möglichkeit für eine bestimmte Erfahrung oder Begegnung wahrgenommen, sie werden organisiert über das Smartphone und zum Teil von entsprechendem Anbieter gebucht. Damit steigt der Erwartungsdruck, denn der Event wird von Profis organisiert und kostet Geld.

Der Friedhof wird als Ort des Begräbnisevents erlebt und der Ort als solcher in seinen Erfahrungsmöglichkeiten gar nicht wahrgenommen, wodurch gleichzeitig der Respekt an oder vor diesem Ort schwindet.

 

Die Sicht auf ein Tabuthema öffnen

Mit meiner Arbeit möchte ich dazu beitragen, die Sicht auf ein Tabuthema zu öffnen, dabei Menschen in ihrer Einmaligkeit wertschätzend gedenken und ihnen für ihr Dasein danken.

Was für die Katholiken der Allerheiligen ist, ist für die evangelische Kirche in Deutschland und der Schweiz der Totensonntag (auch Ewigkeitssonntag genannt). 

Am Totensonntag ist es üblich, die Friedhöfe zu besuchen und die Gräber zu schmücken.

Der Totensonntag wird jedes Jahr am letzten Sonntag vor dem ersten Advent begangen.

Viele Hinterbliebene haben den Wunsch zum 21. November 2021 die Gräber zu diesem Anlass besonders zu schmücken, mit Pflanzschalen, Trauersträußen und Grabschmuck.

 

 

Es lohnt, sich um dankbare Erinnerung und vertrauende Hoffnung zu mühen.

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